Erst viele Jahrzehnte später und vielleicht auch meinem eigenen Studium geschuldet, habe ich für mich selbst erkennen müssen, dass ich ein „Trauma“ erlitt. Ich setze dieses Wort noch heute in Anführungszeichen, weil ich mich einfach nicht auf eine Stufe mit Menschen setzen möchte, welche Krieg, Folter und andere Gräueltaten durchleben. Dagegen ist mein Erlebtes in Kindertagen nichts und ich schäme mich noch immer, dass es mich zu einer bestimmten Jahreszeit Jahr für Jahr wieder abholt, mein kleines Horrorbild in meinem Kopf.
Bis ich festgestellt habe, dass ich eine Bewältigungsstrategie benötige, hatte ich diese schon längst über Jahre hinweg angewandt. Entstanden aller Wahrscheinlichkeit nach durch meinen unfassbar stark ausgeprägten Überlebenswillen.
Es erfordert immer wieder eine ganze Menge Mut einzutauchen in das Erlebte. Aber ich muss es tun, allein deshalb, weil es jedes Jahr aufs neue wiederkehren wird. Egal wo ich auch bin, was ich auch bin, es wird da sein. Mittlerweile ist es Dank meiner ganzen Skills, die ich anwende zu einem einzigen Abend geschrumpft. Nicht einmal das. Eigentlich nur noch 3 Stunden, welche es gilt zu umschiffen.
Auf Grund meiner Erinnerung an die Ereignisse des letzten vergangenen Heilig Abend, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich, wenn ich mich selbst dauerhaft und folgerichtig schützen möchte, ich meine Handlungsweise und meine Gefühle vom letzten Jahr nicht mehr wiederholen kann und darf.
Ich bin Stand heute mental so stark und so im Frieden mit mir selbst, dass ich jetzt nach so vielen Jahren der immer wiederkehrenden Angst, es schaffe aus ihr heraus in den Mut zu kommen. Denn Mut beginnt dort, wo Angst aufhört.
Dank meiner Arbeit kann ich sehr gut filtern und sortieren. Die Flut der Inputs durch soziale Medien und Zusammentreffen im realen Leben in den Tagen zuvor, wird selbstverständlich auch dieses Jahr wieder etwas mit mir machen. Aber dieses Jahr bin ich vorbereitet. Dieses Jahr gehe ich bewusst darauf zu, weil ich den Mut aufgebracht habe diese 3 Reststunden so zu gestalten, wie ich persönlich sie gerne leben möchte. Dieses Bedürfnis habe ich auch so vermittelt, weil ich ganz stolz mit breiter Brust nun aussprechen kann „WEIL ICH ES MIR SELBST WERT BIN“.
Was ist anderes, und warum gerade jetzt? Die Selbsthilfe und mein Beruf, sowie all die wunderbaren Begegnungen haben mir die unterschiedlichsten Facetten aufgezeigt, wie Leben sein kann. Und ich durfte erkennen, dass ich gut bin, genauso wie ich eben bin.
Immer wenn der November ins Land zieht, sind meine Gedanken um das immer gleiche Szenario gekreist. In meiner Vorstellung habe ich für diesen ABEND, um welchen sich alles dreht immer Menschen von der Straße zu mir nach Hause an die reich gedeckte Tafel eingeladen. Und sie saßen dann da und wir führten wundervolle tiefgründige Gespräche. Dankbarkeit und Demut erfüllten den Raum. Nicht wenige Minuten später kam ich wieder zu mir und zurück in die Realität. Egal was ich auch tat, was ich sprach. Hier in meinem Umfeld scheint es diese Menschen nicht zu geben. Hier rund um mich rum, haben ALLE in diesen besonderen Stunden eine perfekte Familie. Niemand ist da allein.
Auch ich bin nicht allein. Ich habe einen Mann und einen wundervollen Sohn an meiner Seite. Und dennoch weiß ich auf Grund der zurückliegenden Jahre, dass ich ihnen durch meine eigene Handlungsweise ein Stück Normalität nahm. Indem ich nun diese Stunden mit meinem Rauhnächte Ritualen fülle und sie die Zeit bei den Eltern meines Mannes verbringen, bekommen wir alle 3, was wir brauchen und können den ganzen restlichen Tag zusammen entspannt genießen.
Als Folge von traumatischen Ereignissen treten als Symptome oft anhaltende Angstgefühle, Reizbarkeit und eine allgemeine Überempfindlichkeit auf. Ja das bin ich rund um diesen Tag immer gewesen. Tief geprägt von Angstgefühlen, extrem gereizt und sehr überempfindlich. Meine Erwartungen waren immens. Ich setzte immer voraus, dass mein Mann und mein Sohn dies doch wissen müssten und war zutiefst enttäuscht, wenn sie es wieder einmal mehr nicht taten.
Wie sollten sie es auch können. Wechselte ich doch jedes Jahr aufs Neue die Strategie diese besonderen Stunden irgendwie zu überstehen. Und immer hatten diese Strategien etwas mit den Menschen zu tun, welche all meine tief ausgeprägten Vermeidungsmuster durch ihr Verhalten in meiner Kindheit ja erst entstehen ließen.
Ich steckte soviel Inbrunst und Energie in die Vorbereitung, legte einen während des restlichen Jahres nicht vorhandenen Perfektionismus an den Tag, nur um in diesen 3 besonderen Stunden die perfekte Gastgeberin zu sein, besonders viel Liebe und Glanz und Licht zu übertragen, nur in der Hoffnung, dass es dann auch genauso auf mich zurück übertragen wurde. Was für ein dummer naiver Gedankenstrang. Menschen, welche von und durch mich selbst über so viele Jahre darin trainiert wurden alles anzunehmen, was ich ihnen bot und welche nie einen Anlass dafür sahen selbst einmal aktiv zu werden, nie mit mir in die Kommunikation gingen (außer in ihren eigenen Krisensituationen) können gar nicht erkennen und fühlen, was da alles bei mir passiert.
In meinem direkten familiären Umfeld ist das Wort Empathie kein genutztes Wort und schon gleich gar kein gelebtes. Deshalb fühlte sich mein Handeln Jahr für Jahr mehr und mehr falsch an. Ich spürte zunehmend, dass ich in diesen besonderen 3 Stunden überhaupt nicht selbst stattfand. Ich war eine funktionierende Maschine, welche alles annahm, was man ihr anbot. Vorwürfe, prekäre Fragen, Wut, Unfreundlichkeit, Frust. Dies alles geschah in meiner Welt, in der Welt in der ich selbst angekommen war und mich rundum wohlfühle. In diesen 3 Stunden wurde diese Welt, welche mir über das Jahr hinweg Schutz bietet zu einer Kriegsfront, zu einem Battlefield. Am liebsten hätte ich allen Anwesenden Getränke und Speisen serviert und hätte mich dann verabschiedet.
Ich kann keine vergleichbar groteske Szenerie finden wie diese, welche sich mir an diesem Abend bietet. Jeder einzelne der Akteure schlüpft in eine Rolle, wie sie oberflächlicher nicht sein kann. Das ist auch absolut legitim und wird bestimmt auch in vielen weiteren Millionen Haushalten in diesen 3 besonderen Stunden so gehandhabt und gefeiert. Das darf auch so sein. Und jeder darf das auch sehr gerne weiterhin so tun. Ich wünsche mir nur, dass man es dann auch so stehen lässt und nicht nachtritt in den Folgetagen.
Warum ist es mir so viele Jahre schwergefallen da auszusteigen? Weil ich immer fest daran geglaubt habe, dass ich es meinen Kindern und meinem Mann schuldig bin ihnen ein adäquates Weihnachten zu bieten. Niemals wäre ich auf den absurden Gedanken gekommen meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche durchzusetzen. Angesprochen habe ich diese sehr oft. Aber dadurch sind immer sehr schmerzhafte Konflikte entstanden, welche dann letztes Jahr gipfelnd erst wenige Stunden vor dem „Heiligen Abend“ auf meine Kosten beigelegt werden konnten. Nein das ist überhaupt kein Vorwurf, sondern eigens nur eine Erkenntnis mir selbst gegenüber, dass ich immer aus der Angst heraus gehandelt und gesprochen habe.
Jetzt im Hier und Jetzt spricht der Mut aus mir. Und dieses Gefühl ist ein wunderbares Gefühl. Ein sehr eigenes mir selbst sehr nahes Empfinden. Es fühlt sich überhaupt nicht unsicher oder zweifelnd an, eher friedlich und zukunftsweisend. Ich bin sehr demütig und dankbar für alles was in meinem Leben gerade geschieht und noch geschehen wird. Und das schenkt mir enorm viel Zuversicht und Kraft für mein eigenes Handeln, Denken und Empfinden.
Es ist ein Gefühl von loslassen, von Stille in den Gedankensträngen bezüglich dieses Ereignisses. So kann ich nun aus meinem tiefsten Herzen heraus schreiben, dass ich angekommen bin in meinem eigenen Leben, meiner eigenen Gefühlswelt.
Und dieses Ankommen tut mir gut, sogar verdammt gut.
Ich kann mit einem ruhigen Gewissen sagen, dass ich sehr viel gegeben habe, oft sogar zu viel. In meiner Arbeit bin ich in den letzten Monaten und Jahren vielen Menschen begegnet. Und bei diesen Begegnungen sind immer auch Erkenntnisse für mich dabei. So habe ich z. B. festgestellt, dass auch ich dazu geneigt war „überzustülpen“. Dies kann aber nicht funktionieren. Unter den Decken, welche man über Narben legt, entstehen neue Wunden.
Wunden, welche dann wiederum Heilung bedürfen.
Ich bin immer mehr dazu übergegangen wahrhaftig und respektvoll zu handeln. Meinem Gegenüber Klarheit zu vermitteln anstatt offene Fragen in den Raum zu werfen in der Hoffnung man wird sie schon verstehen und beantworten.
Bezüglich meines Ereignisses hatte ich immer den unstillbaren Wunsch verstanden zu werden. Ich hatte die Vorstellung des AHA Effekts. Wenn ich nur oft genug erzähle und beschreibe, was da in mir vorgeht, dann würde man schon in die Handlung kommen und mir meine Last des unglücklichen Heilig Abends abnehmen.
Jetzt nicht mehr. Jetzt habe ich meine Schutzhülle verlassen, habe klar kommuniziert, was ich tun werde und wie ich es für mich gerne gestaltet hätte. Allein diese Tatsache erweckt in mir das erste Mal nach so vielen Jahren der aufkommenden Unruhe eine enorme Vorfreude. Eine Vorfreude, weil ich endlich diese 3 Stunden genießen werde, so wie sie für mich stimmig sind.
Und wenn ich das kann, können das ganz viele andere wunderbare und wertvolle Menschen auch. Wenn auch ihr rauswollt aus den Zwängen rund um diese 3 Stunden, dann schreibt mir gerne. Zusammen werden wir auch für euch einen erfüllenden Weg finden.
Eure Sue Freund
Ein Gedanke zu „Aus dem Dunkel ins Lichtermeer“