Seit ich denken kann kämpfe ich mit meinem Gewicht. Als Kind lange Zeit unter dem Normalgewicht, dann in der Pubertät rasant zugenommen. Bis zur ersten Schwangerschaft immer so Mittelmaß und dann ging es nach der Stillzeit in die erste Phase des Abnehmens, was auch gut geklappt hatte. Dann nach der zweiten Schwangerschaft während der Stillzeit und durch Hormonspritze ging es nur noch in Richtung Gewichtszunahme. Dann kam 2016, worauf ich nicht näher eingehen möchte, da dieses spezielle Jahr ausführlich von mir in einem Blogbeitrag beschrieben wurde.
Ich konnte mein damals erreichtes Gewicht und Lebensgefühl bis 2018 halten. Erst durch meine sehr intensive Aktivität im Ehrenamt eines Vereins verlor ich mich selbst wieder aus den Augen. Es folgte eine sehr schlechte Ernährung, viel Alkohol und Stress im Kopf. Auch wenn dann im Mai 2019 mein erster Durchbruch in Bezug auf Stopp bei Aufopferung stattfand, konnte ich den Schaden, welchen ich meinem Körper im Jahr zuvor zugefügt hatte nicht mehr reparieren. Zeitgleich war ich auf der Suche nach meiner beruflichen Identität.
Meine Kinder, Familie, Ehe. Alles am Peak von Aufwand versus zufriedenstellendes Ergebnis angekommen. Man gab viel aber bekam wenig zurück. (Mein dummes Denken, wie ich heute weiß. Denn du solltest NIEMALS etwas geben, wenn du etwas in Return möchtest. Da ist immer Enttäuschung vorprogrammiert. Gib nur dann, wenn du es möchtest ohne Erwartung).
2020 trat ich meine neue Stelle an. Nahm endgültig Abschied von der Selbstständigkeit in alle Richtungen. Ich formatierte mich mal wieder neu. Leider rutschte ich auch in dieser neuen Verwirklichung in die selbe Falle, in welche ich immer trat, wenn es darum ging mein Leben in einem neuen Rahmen zu strukturieren. Dann kam 2021 der Eingriff im Klinikum mit für mich kurzzeitig schweren Folgen. Aber Gott sei dank trug dies auch dazu bei, dass ich begann mich selbst mehr wertschätzen zu lernen. Mit meinem neu hinzugekommenen Betätigungsfeld und dem Ehrenamt rutschte ich dennoch abermals in das nächste Abhängigkeitsverhältnis.
Zumindest sah ich das zum damaligen Zeitpunkt vor 3 Jahren so. Mein ganzes Leben war immer und immer wieder davon geprägt mich fremdbestimmt zu fühlen. Egal wer was zu mir sagte, ich nahm es an. Ich ließ mir die Welt erklären und zwar von jedem einzelnen Menschen, welcher mit mir in Kontakt trat und gleichzeitig spürte ich von Monat zu Monat mehr, dass dies aber so gar nichts mit meiner Welt, meinem Gefühl, meinem Empfinden und meinem Leben zu tun hatte.
Ich übernahm jede Regel, jede Einstellung und verlor dabei schleichend mehr und mehr meine eigene. Ich verlor wieder einmal den Bezug zu mir, definierte mich über alles nur nicht über mein eigenes ICH. Der Umkehr Prozess startete erst, als ich feststellen musste, dass es wieder einmal meine „Familie“ war, welche meinen ganzen Einsatz forderte und zeitgleich war mir aber bereits klar, dass dies ein Einsatz ohne Wiederkehr werden würde. Es war ein erneut befreiendes Gefühl endlich keine Angst mehr zu haben, Menschen zu verlieren, welche eh nie für mich da sein könnten, sollten, müssten, weil unsere Gefühle, unsere Lebensziele, unsere Bedürfnisse überhaupt keine Berührungspunkte aufweisen. Dieser Entschluss den Kontakt zu allen Mitgliedern dieser Urfamilie (bis auf meinen Neffen, welcher für mich eines der liebsten und herzlichsten Menschen dieser Welt ist) abzubrechen, schoss mich katapultartig in ein neues Denken und zwar mir selbst und vielen Familiensystemen gegenüber. Zu beruflichen Zwecken las ich viel über dysfunktionale und toxische Familiensysteme. Immer mehr fand ich mich darin wieder. Warum sich viele nicht aus ungesunden Familienverhältnissen lösen können, kann ich nur für mich selbst beantworten.
Punkt 1 ist die Hoffnung, dass es doch noch irgendwann besser wird.
Punkt 2 sind die eigenen Vorstellungen, welche man dann auf die Familie projiziert
Punkt 3 sind ganz banale Themen wie, wie z. B dass man ja was erbt, dass man ja irgendwie blutsverwandt ist und was passiert, wenn man von dieser Erde geht und sich nicht vorher vertragen hat.
Zu Punkt 1 kann ich mittlerweile sehr klar und sachlich sagen, dass gar nichts besser werden kann, weil alles gut ist, so wie es ist, aber eben nur nicht in Kombination miteinander. Unser Weltbild ist ein völlig anderes. Wir würden immer in unterschiedlichen Sprachen weiterhin miteinander kommunizieren.
Zu Punkt 2 ist mir mittlerweile völlig klar geworden, dass ich und meine Familie niemals meiner Vorstellung entsprechend Zeit miteinander verbringen werden, denn alles was es jemals an Zusammenkunft bei uns gab, hing immer mit ungesundem Essen und Alkohol zusammen.
Und nein ich kann mich nicht einfach mal zusammenreißen. Warum nicht? Weil ich der Meinung bin, dass die ungesund Lebenden sich mal lernen sollten zu kontrollieren. Ist euch nicht schon mal aufgefallen, dass es immer die Menschen sind, welche an sich arbeiten, welche sich bemühen ihr Leben zu verbessern. Die, welche Gefühle leben und äußern, diejenigen sind, welche sich zurücknehmen sollen, um es den Patriarchen, den Dominanten, den Älteren und den Stärkeren Recht zu machen.
Kennt ihr nicht alle Aussagen wie: “ Es sind doch deine Eltern, da kannst du dich doch mal zusammenreißen, wenn du ab und zu mal da hingehst zum essen.“ Oder: “ Du änderst die doch eh nicht mehr. Dann macht man das halt mal des lieben Friedens Willen.“ NEIN. Viel früher müsste man STOPP sagen, wenn man das Gefühl hat, man ist auf einem guten Weg ein gesundes Leben zu führen und wird durch gesellschaftliche „Verpflichtungen“ immer wieder „genötigt“ diesen Pfad zu verlassen.
Hätten meine Eltern, mein Bruder, meine Tante jemals wirklich etwas gutes an mir gesehen, dann hätten sie niemals, während sie Alkohol, Torte, Braten und Co auf den Tisch plaziert hätten mir die immer wiederkehrende Frage gestellt :“ Ob ich wohl ab- oder zugenommen hätte.“ Manchmal hatte ich 2 kg mehr drauf, und bekam die Frage gestellt: “ Wann hast du denn so schön abgenommen?“ Merkbar oberflächlich und nie wirklich auf mich schauend, musste ich immer und immer wieder der Gewichtsthematik stellen, wenn ich meine Familie oder Verwandte traf. Armselig und traurig, dass es keine anderen Inhalte gab, welche es wert gewesen wären mit mir zu kommunizieren.
Unsere Zusammenkünfte fanden auch oft in Wirtshäusern statt. Man bestellte, aß und zack war das Treffen auch wieder zu Ende. Immer konzentriert auf die Nahrungsaufnahme und der Gesprächsstoff drum herum. Man überlegte laut, ob man heute mal Sauerbraten, das Schäufele oder den Haxn bestellen würde. Man philosophierte darüber, ob es in der gerade besuchten Gaststätte 1 oder 2 Klöße dazu geben würde und wie groß diese wären. Der Beilagensalat wurde meist verschmäht mit der Behauptung, dass man dann ja schon satt wäre und den Hauptgang nicht schaffen würde. Wenn der Herr des Hauses spendabel aufgelegt war, gab es auch noch Dessert.
So konditionierte man sich aus der Kindheit heraus in das Erwachsenenalter hinein übertragend auf die eigenen Kinder, dass Familie dann stattfand, wenn etwas zu Essen (zu 95% ungesunde Nahrungsmittel) und Alkohol dabei war. Warum gab es nie Treffen, wo die Mutter sich mal überlegte etwas gesundes und vitaminreiches zu kochen, wenn sie mir schon immer die Gewichtsfrage stellen wollte? Nein, das Gegenteil war der Fall. Es wurde verständnislos reagiert, wenn ich erwähnte, dass ich nicht zur nächsten Feier kommen möchte, weil es mir danach immer schlecht ging.
Zu Punkt 3 hatte ich lange ein sehr gespaltenes Verhältnis. Mein Vater tätigte vor vielen Jahrzehnten (ich glaub ich war so 25) mal eine sehr skurrile Aussage mir gegenüber. Er meinte, dass wenn ich mich mit ihm gutstellen würde es mir später finanziell mal nicht schlecht gehen würde. Dieses Gut stellen gelang mir über die Jahre mal besser und mal schlechter. In meiner Naivität und Unwissenheit glaubte ich wirklich daran. Bis ich zunehmend mehr Wissen und Weisheit erlangte. Da wurde mir schlagartig klar, dass ein Mensch, welcher einem nicht einmal zum Geburtstag gratuliert, geschweige dem mit einem feiert, niemals auch nur annährend dazu in der Lage wäre einem etwas zu schenken. Mit weiterer erlangter Weisheit und Reife wurde mir dann klar, dass ich das auch überhaupt nicht mehr wollte und brauchte. Ich konnte mittlerweile ganz gut für mich selbst sorgen.
Der letzte Aspekt von Punkt 3 wurde mir von meiner Mutter eingepflanzt. Sie beschäftigte sich schon immer mehr mit dem Tod als mit dem Leben und es ging immer wieder darum, dass alle Kinder und so weiter Abschied nehmen müssten, damit der im sterben liegende Mensch auch gehen kann. Damit hatte sich mich auch enorm unter Druck gesetzt, als die Mutter meines Vaters in diesem Prozess war. Ich habe mich nur sehr schwer dem widersetzen können und habe damals einen Brief geschrieben und ihr mitgegeben.
Jetzt im Hier und Jetzt denke ich mit einem über meinen Rücken laufenden Schauer zurück an all die Drucksituationen, in welche ich gebracht wurde um das zu tun, was in ihren Augen richtig war. Meine Seele ist mittlerweile nahezu vollständig geheilt. Ich lebe in Liebe und guten Gefühl. Ich befinde mich bereits auf der Hauptstraße Richtung Ozean, wo die totale Freiheit im Kopf und im Herz auf mich wartet.
In den letzten Monaten waren es nicht mehr meine Kernfamilie sondern andere wichtige Personen in meinem Leben, welche es bestimmt nicht böse meinend, versucht haben mir ihre Welt des Essens zu erklären. Da kamen Sätze wie:“ Wenn du dich den ganzen Tag mit Essen beschäftigst ist das nicht gut.“
oder:“ Von einem Leberkäsebrötchen wird man nicht gleich dick.“ Oder auch ganz oft vermittelt bekommen habe ich: „Hier ein paar Pralinen für besondere Stunden.“
Das ist alles bestimmt nur gut gemeint und ich bin da auch niemandem böse, denn nur du selbst weißt wie es in dir aussieht und nur du selbst kannst deinen Kopf neu programmieren. Dein Gegenüber spürt dich nicht. Es spürt nur seine eigene Wahrnehmung und projiziert diese auf dich. Besonders beliebt sind auch Sätze wie: „Du musst 3x am Tag was essen, sonst bringt das alles nichts.“ Oder auch gerne benutzt: „Diäten haben nur Jo Jo Effekte.“
Eine Essthematik im Leben ist eine Störung, welche einem das ganze Leben begleiten wird. Da kann man nicht mit Diäten, Sport etc. kurzfristig Abhilfe verschaffen. Man kann nur lernen mit ihr zu leben, sie anzunehmen und sich selbst sehr liebevoll zu behandeln, indem man auf sich schaut und auf nichts sonst. Bewusstsein im Umgang mit Nahrungsmittel und Achtsamkeit für das eigene Handeln. TAG für TAG immer wieder aufs Neue. Fatal ist der kleine Teufel im Kopf, welcher dann nach ein paar Tagen, in welchen man sich super gut fühlt, anklopft und sagt: „Na siehst du geht doch. Wenn du dich mal wieder verloren hast, weißt du ja wie du wieder hierhin kommst.“ Und genau das macht der Körper irgendwann nicht mehr mit. Irgendwann ist der Körper so in Mitleidenschaft gezogen, dass er einige seiner Funktionen einstellt.
An diesem Punkt möchte ich nicht landen. Ich möchte gerne noch ein paar Jahre meines Lebens bewusst und so gesund als möglich verbringen und dies geht nicht ohne es mir selbst wert zu sein. So bin ich nun auf meinem Weg zum Ozean auf eine Straße eingebogen, welche einen schönen Flüsterasphalt aufweist. Auf dem lässt es sich nun gut fahren. Übersetzt möchte ich damit sagen, ich bin jetzt endlich lieb zu mir selbst, sanft und einfühlsam.
Niemand, welcher nicht einmal in seinem Leben mit Essthematiken zu tun hatte wird dies fühlen können. Jetzt weiß ich aber etwas, dass mir niemand mehr ausreden kann. Es gibt KEINE über- oder untergewichtig gesunden Menschen. Eine einfache logische Schlussfolgerung aus der Anatomie des Körpers heraus. Deshalb muss Stigmatisierung ein Ende haben. Niemand nimmt einen Gast ernst und zeigt ihm Respekt, wenn er ihn zu Schnitzel, Bratwurst und Co einlädt und das als verdientes Genussgefühl verkauft. Gemeinschaft loskoppeln von fettigen und süßen Speisen würde vielen Menschen wieder mehr Lebensqualität schenken. Man kann sich auch mal mit einer Decke im Park treffen und anstatt Nudelsalat und Co, gesundes Gemüse, Dips und Wasser dabei genießen. Ja Wasser kann purer Genuss sein, wenn man sich klar macht, dass da etwas sehr reines und klares die Kehle hinunterfließt.
Klar und rein so soll mein Foodboard sein. Edel wie eine Rose soll meine Selbstfürsorge sein.
Eure Sue Freund